Die russische Armee – Dein Freund und Helfer

Berlin, 2002
Zentrales Museum für Grenztruppen Russlands

Zentrales Museum für die Grenztruppen Russlands, Foto: K. Janeke

Hat man als Tourist vor der Wende in der Sowjetunion Brücken oder technische Anlagen mit potentiell militärischem Bezug fotografiert, so konnte man schon mal eine Nacht im örtlichen Gefängnis verbringen – und der Film war sowieso verloren. Was früher sofort mit möglicher Spionage in Verbindung gebracht wurde, ist heute nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, wie ich kürzlich bei meiner Moskau-Reise für das Projekt „Der Große Krieg 1914-1918“ erfuhr.

Mit „normalen“, will sagen zivilen Museen in Russland zu kooperieren, ist schon ein Erlebnis. Abenteuerlich dagegen wird es mit den Armeemuseen. Während ich für die Terminabsprache in der Tretjakov-Galerie oder dem Historischen Museum schon mehrere Arbeitsstunden am Telefon verbracht habe, um die richtige Faxnummer herauszufinden, endete diese Prozedur beim „Zentralen Museum für Grenztruppen Russlands“ mit der Feststellung, es sei kein Fax im Hause, ich müsse meine Anfrage schon per Post stellen. Diese Mühe hat sich gelohnt!

Am Eingang des ziemlich versteckten Museums wurde ich zunächst von ca. 6 uniformierten Damen gestoppt, die mich verwundert nach meinem Anliegen fragten. Nach mehreren Telefonaten, die der Ankündigung „einer Ausländerin“ dienten, sah ich mich einem recht kleinen, aber adretten jungen Mann in Uniform gegenüber, der mich militärisch begrüßte. Leicht verlegen begleitete er mich in das Zimmer des Direktors. Zu seiner nicht geringen Bestürzung war dieser nicht anwesend, so dass er mich bat, Platz zu nehmen. Ob ich Tee wolle? Ja, gerne, wenn es keine Umstände macht. Nein, natürlich nicht. Kurze Pause. Es folgte ein hektisches Öffnen aller verfügbaren Schränke. Zunächst wurde eine leicht zerknitterte Plastiktischdecke aufgelegt und der im Zimmer befindliche Wasserkocher angestellt (einen Samowar sieht man in Russland selten). Dann folgten – im Tempo eines Slapstickfilms – Teetassen, eine Packung Teebeutel, wasserlöslicher Kaffee, die Zuckerdose, Löffel, ein Teller mit Keksen, eine Schachtel mit Pralinen, Gläser und – eine Flasche Wodka. Wieder eine kurze Pause.

Zur allgemeinen Erleichterung erschien sodann der Direktor. Mit strahlendem Lächeln unter der großen Militärmütze begrüßte er mich mit dem Hinweis, dass gerade heute morgen meine Liste mit den Objektwünschen und weiteren Informationen eingetroffen sei. Einem kritischen Blick auf den gedeckten Tisch folgte der Hinweis an den jungen Kollegen, es handle sich um die falsche Tischdecke, er möge das doch bitte korrigieren. Also wurde alles wieder abgeräumt, eine nicht verknitterte Stofftischdecke aufgelegt, und alle Köstlichkeiten wieder aufgetischt. Der Wodka, so der Direktor, sei mehr symbolisch zu verstehen, schließlich handle es sich um ein Vorurteil, dass die Russen immer und bei jeder Gelegenheit trinken.

Auf diese Weise entstand eine angenehme, freundschaftliche Atmosphäre, die nur kurzfristig durch die lachende Bemerkung des Direktors unterbrochen wurde, es sei ja erstaunlich, dass ich russisch spräche – ich sei also nicht nur attraktiv, sondern auch noch klug, was bei einer Frau schon auffalle. Nachdem auch das geklärt war, brachen wir in die Ausstellung auf, die mir von den Anfängen der Grenztruppen in grauer Vorzeit bis ins Jahre 2002 ausführlich präsentiert wurde. Bei den Objekten zum Ersten Weltkrieg angelangt, bat ich um die Erlaubnis, fotografieren zu dürfen. Ja, warum ich das denn nicht vorher gesagt hätte, das sei ja überhaupt kein Problem – sprach’s, entführte mir die Digitalkamera und begann, mich vor buchstäblich jeder Vitrine der Ausstellung abzulichten – zur Erinnerung gewissermaßen. Diese Prozedur endete erst in dem großen Saal zu Ehren der Truppenführer, als es mir gelang, nicht mich zum Gegenstand des Fotos zu machen, sondern die beiden Herren, worüber sie sich aufrichtig freuten. Detaillierte Aufnahmen von Waffen aller Art, Dokumentationen der Kontrollmethoden an den Grenzen oder beschlagnahmter Schmuggelware konnte ich übrigens später so viele machen, wie ich wollte. Auch die Depots waren mir uneingeschränkt zugänglich, immer wieder kamen Adjutanten, Generäle oder Gefreite vorbei, um sich nach meinen Fortschritten zu erkundigen und ihrer Vorfreude auf die Kooperation Ausdruck zu geben. Zum Abschluss gab es dann noch mal Tee, diesmal dann doch in Verbindung mit einem klitzekleinen Wodka, sowie zahlreiche Souvenirs, die nun mein Büro schmücken. Sollte also irgendjemand von den Kollegen die Absicht haben, eine Ausstellung über russische Grenzregimenter zu veranstalten, kann ich nur wärmsten zuraten!

Juni 2002